Geografie und wirtschaftliche Bildung · Sek I
Wie kommt die Ware ins Regal â und wer entscheidet, ob sie mit LKW, Zug oder Schiff reist?
assets/img/buch/logistik/opener-lkw-a14.jpgassets/img/buch/logistik/supermarkt-laderampe.jpgDein FrĂŒhstĂŒck, dein Sitznachbar-Sessel, das Papier in deinem Heft: Nichts davon ist dort entstanden, wo du es benutzt. Logistik ist die Kunst, Waren zur richtigen Zeit, in der richtigen Menge, an den richtigen Ort zu bringen â möglichst gĂŒnstig und zuverlĂ€ssig. Sie ist unsichtbar, solange sie funktioniert. Erst wenn ein Regal leer bleibt, merken wir, wie viel Planung dahintersteckt.
Jede Ware durchlĂ€uft eine Logistikkette: Rohstoff â Fabrik â Lager â GeschĂ€ft. An jeder Station wird transportiert, umgeladen, gelagert. Organisiert wird das von Speditionen â Firmen, die Transporte planen und verkaufen, oft ohne eigene Fahrzeuge. Das HerzstĂŒck ihrer Arbeit ist die Disposition: Welcher Auftrag bekommt welches Fahrzeug, in welcher Reihenfolge? Gute Disposition spart Geld, Zeit â und Abgase.
Europa ist dabei ein einziger groĂer Warenraum. Im EU-Binnenmarkt fahren LKW, ZĂŒge und Schiffe ĂŒber die Grenzen. Niemand kontrolliert dabei den Zoll. Doch die Last ist ungleich verteilt: 78 % aller Waren rollen auf der StraĂe, nur 17 % auf der Schiene und 5 % auf FlĂŒssen und KanĂ€len. Und es wird immer noch mehr StraĂe. [1] Wie sich die GĂŒter auf LKW, Bahn und Schiff aufteilen, nennt man Modal Split. Das ist eine der wichtigsten Zahlen in der Verkehrspolitik.
assets/img/buch/logistik/gueterzug-terminal-wolfurt.jpgWarum fĂ€hrt ĂŒberhaupt so viel auf der StraĂe? Weil der LKW unschlagbar flexibel ist: Er fĂ€hrt vom Werkstor bis zur Laderampe, ohne Umladen, auf jedem Weg. DafĂŒr ist er pro Tonne der teuerste Klimafaktor und steht mit im Stau.
Der GĂŒterzug zieht dutzende Container mit einer einzigen Lokomotive. Auf langen Strecken ist er unschlagbar sparsam und gĂŒnstig. Sein Nachteil: Er braucht Gleise und ein Bahnterminal â einen Ort, an dem man die Container umlĂ€dt. Jeder Wechsel des Fahrzeugs kostet Zeit und Geld. Diesen Wechsel nennt man Umschlag. Das Binnenschiff fĂ€hrt auf Rhein und Donau. Es ist langsam, trĂ€gt aber riesige Mengen und ist billig. Ein einziges Schub-Schiff ersetzt ĂŒber hundert LKW-Ladungen.
Die Kunst liegt im Kombinieren: Beim intermodalen Verkehr reist derselbe Container erst per Schiff, dann per Bahn, die letzten Kilometer per LKW. So nutzt jede Etappe den passenden TrĂ€ger â vorausgesetzt, die Umschlagpunkte funktionieren.
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Wo Waren ĂŒbers Meer kommen, entscheiden HĂ€fen ĂŒber ganze WirtschaftsrĂ€ume. Europas gröĂter ist Rotterdam: 2024 wurden dort 435,8 Millionen Tonnen GĂŒter umgeschlagen, darunter 13,8 Millionen Container. [4] Seine Lage ist kein Zufall. Rotterdam liegt dort, wo der Rhein ins Meer mĂŒndet. Von hier bringen Binnenschiffe die Waren rheinaufwĂ€rts bis nach Basel. Bahn und LKW fahren sie weit nach Mitteleuropa. Das Gebiet, das ein Hafen auf diese Weise versorgt, nennt man sein Hinterland. Umgekehrt verbindet die Donau Bayern und Ăsterreich mit dem Schwarzen Meer. So groĂe Umschlagpunkte nennt man Container-Hubs.
Möglich machte diesen Boom eine einfache Kiste. 1956 lieĂ der US-Amerikaner Malcom McLean zum ersten Mal gleich groĂe Metall-Boxen auf ein Schiff heben. Das war die Geburt des Containers. Das Verladen einer Tonne Fracht kostete damals 5,83 Dollar in Handarbeit, im Container nur noch 16 Cent. [5] Gemessen wird seither in TEU (Standard-Containern Ă 20 FuĂ â 6 m). Die gröĂten Schiffe tragen heute ĂŒber 24.000 TEU â aneinandergereiht wĂ€re das eine Kette von rund 146 km: 24.346 · 6 m. [6]
Im Hafen zĂ€hlt Tempo: Jeder Container, der herumsteht, verursacht Standkosten. Und verderbliche Ware wie Obst reist im gekĂŒhlten Reefer-Container â bei ihr wird die Frist zur Frischefrage.
assets/img/buch/logistik/container-stapel.jpgNördlich der Alpen liegen groĂe Industriegebiete. SĂŒdlich davon auch. Dazwischen stehen die Alpen wie eine 800 km lange Mauer. Man kommt nur an wenigen Stellen hinĂŒber: ĂŒber ein paar PĂ€sse oder durch Tunnel. Trotzdem wollen jeden Tag riesige Warenmengen von Norden nach SĂŒden und zurĂŒck.
Manche LKW wollen gar nicht nach Ăsterreich oder in die Schweiz. Sie fahren nur hindurch â zum Beispiel von Deutschland nach Italien. Diesen Durchgangs-Verkehr nennt man Transitverkehr. Der wichtigste Ăbergang ist der Brenner in Tirol. 2024 fuhren dort 2,46 Millionen LKW ĂŒber die Autobahn. Das sind fast dreimal so viele wie ĂŒber alle vier Schweizer Alpenrouten zusammen (0,86 Mio.). [7] [8] Die Menschen im engen Wipptal leiden darunter: Tag und Nacht LĂ€rm und Abgase.
Die Schweiz macht es seit den 1990er-Jahren anders. Die Menschen stimmten ab: Die Waren sollen mit dem Zug durch die Berge, nicht mit dem LKW. Darum zahlen LKW in der Schweiz hohe GebĂŒhren. Und die Schweiz baute lange Bahntunnel, sogenannte Basistunnel. Ein normaler Tunnel liegt oben am Pass. Ein Basistunnel liegt tief unten, am FuĂ der Berge. So muss der GĂŒterzug nicht bergauf fahren â auch schwere ZĂŒge kommen leicht hindurch. Der Gotthard-Basistunnel ist 57 km lang und wurde 2016 eröffnet. Er ist der lĂ€ngste Bahntunnel der Welt. Heute fahren rund 72 % der GĂŒter ĂŒber die Schweizer Alpen mit der Bahn. [9] [10]
Ăsterreich wehrt sich auf mehrere Arten gegen die vielen LKW. Erstens die Blockabfertigung: An der Grenze lĂ€sst man nur so viele LKW auf die Autobahn, wie sie vertrĂ€gt. Der Rest muss warten. Zweitens das Nachtfahrverbot: In der Nacht dĂŒrfen LKW nicht fahren. So haben die Menschen im Tal ihre Ruhe. Drittens das sektorale Fahrverbot: Bestimmte Waren dĂŒrfen nicht mehr mit dem LKW ĂŒber den Brenner â sie mĂŒssen auf die Bahn. âSektoral" heiĂt: Die Regel gilt nur fĂŒr einige Warenarten.
Dazu kommt die Rollende LandstraĂe: Der ganze LKW fĂ€hrt auf einem Zug mit. Die Fahrerin oder der Fahrer ruht sich dabei im Begleitwagen aus. Und Ăsterreich baut einen eigenen Basistunnel: den Brenner-Basistunnel. Er wird 55 km lang und fĂŒhrt von Innsbruck nach Franzensfeste. Mit der Umfahrung von Innsbruck sind es 64 km. Das wird die lĂ€ngste unterirdische Bahnstrecke der Welt. Fertig ist sie frĂŒhestens 2032. [11]
assets/img/buch/logistik/alpen-bahn.jpgEin groĂes Lager kostet viel Geld: Miete, Personal und Waren, die nur herumstehen. Deshalb arbeiten Fabriken und GeschĂ€fte heute just in time. Das heiĂt: Die Ware kommt genau dann an, wenn man sie braucht. Das Lager fĂ€hrt sozusagen auf der Autobahn mit. So spart man Kosten. Aber die Lieferkette wird dadurch anfĂ€llig. FĂ€llt ein einziges Glied aus, steht schon nach wenigen Tagen die Produktion still.
Wie schnell das gehen kann, zeigte 2021 die âEver Given". Das 400 Meter lange Containerschiff stellte sich im Suezkanal quer. Sechs Tage lang war die wichtigste WasserstraĂe zwischen Asien und Europa blockiert. Jeden Tag blieben dadurch Waren im Wert von rund 9 Milliarden US-Dollar liegen. Ăber 400 Schiffe stauten sich vor dem Kanal. Wochen spĂ€ter fehlten in Europa Teile und Produkte. [12]
Es gibt noch einen zweiten Weg, um Kosten und Abgase zu sparen: weniger Leerfahrten. Eine Leerfahrt ist eine Fahrt ohne Ladung. Rund jede fĂŒnfte LKW-Fahrt in der EU ist leer. In Ăsterreich fĂ€hrt sogar jeder dritte Kilometer ganz ohne Ware. [13] Eine gute Disposition sucht deshalb immer eine Ladung fĂŒr den RĂŒckweg. Und der Boom geht weiter: Allein in Deutschland waren 2024 4,29 Milliarden Paketsendungen unterwegs. Der Online-Handel bringt die Pakete bis in jede WohnstraĂe. Diesen letzten Abschnitt nennt man die âletzte Meile". Er ist der teuerste Teil der ganzen Kette. Denn hier wird jedes Paket einzeln an eine TĂŒr gebracht. [14]
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[1] Statistisches Bundesamt (Destatis): GĂŒterverkehr in der EU 2024 â Modal Split (Eurostat-Daten) â
destatis.de
[2] Umweltbundesamt (DE): GĂŒterverkehr â Emissionsvergleich der VerkehrstrĂ€ger â
umweltbundesamt.de
[3] Deutsche Bahn: VerkehrstrĂ€gervergleich GĂŒterverkehr (COâe je Tonnenkilometer, Basis UBA/TREMOD) â
deutschebahn.com
[4] Port of Rotterdam: Jahreszahlen 2024 (Gesamtumschlag & Container) â
portofrotterdam.com ·
schifffahrtundtechnik.de
[5] The Geography of Transport Systems: First Containership, Ideal-X, 1956 â
transportgeography.org
[6] Offshore Energy: MSC Irina â 24.346 TEU (2023) â
offshore-energy.biz
[7] Land Tirol: Verkehr in Tirol â Bericht 2024 (LKW-Zahlen Brenner) â
tirol.gv.at
[8] VCĂ: Brenner vs. Schweizer Alpenrouten im Vergleich â
vcoe.at
[9] UVEK / BAV (CH): Verkehrsverlagerung â Bahnanteil am alpenquerenden GĂŒterverkehr â
uvek.admin.ch ·
verkehrsrundschau.de
[10] Wikipedia: Gotthard-Basistunnel (57 km, eröffnet 2016) â
wikipedia.org
[11] ADAC: Brenner-Basistunnel â Stand des Rekordbauwerks â
adac.de
[12] UniversitĂ€t Göteborg: The cost of the Suez Canal blockage (2021) â
gu.se ·
wikipedia.org
[13] Eurostat via trans.info: Jede fĂŒnfte Fahrt in der EU leer â
trans.info ·
VCĂ: Lkw-Leerfahrten in Ăsterreich â
vcoe.at
[14] BPEX (vormals BIEK): KEP-Studie 2025 â Zahlen & Fakten â
bpex-ev.de