Warum drÀngen sich an manchen Orten alle GÀste,
wĂ€hrend andere leer bleiben? Und wie fĂŒhrt eine Region ihre GĂ€ste so,
dass alle gewinnen â GĂ€ste, Einheimische und die Natur?
đ·Foto gesuchtBeliebtes Ausflugsziel mit sichtbarem Andrang: viele Menschen auf einem Wanderweg oder an einem Aussichtspunkt (z. B. Karren-Kante Dornbirn, PfĂ€nder oder Rappenlochschlucht an einem Schönwettertag).assets/img/buch/tourismusregion/opener-ausflugsziel-andrang.jpg
Darum geht es in diesem Kapitel:
GĂ€ste laufen nicht kreuz und quer. Sie folgen Wegen, StraĂen und
SehenswĂŒrdigkeiten. Du lernst, wie man diese Ströme lenkt. Das nennt man
Besucherlenkung. Du siehst, warum der
Standort am Weg ĂŒber Erfolg oder Misserfolg
entscheidet. Du erfĂ€hrst, wie die GĂ€ste anreisen â zu FuĂ, mit dem Rad, dem
Bus oder dem Auto. Du verstehst, wie eine Region mit ihren GĂ€sten Geld
verdient. Das nennt man Wertschöpfung. Und du
lernst, wie eine Region Verkehr, Wirtschaft und Umwelt unter einen Hut
bringt.
đź So arbeitest du mit der Simulation:
Du baust eine Ausflugsregion auf â ĂŒber 8 GĂ€stewellen und vier
Jahreszeiten. Zuerst wĂ€hlst du eine von fĂŒnf Wegkarten. Sie reichen von der
Talschleife bis zur PassstraĂe. Die GĂ€ste ziehen sichtbar in
Gruppen ĂŒber die Wege. Deine GebĂ€ude wirken nur auf GĂ€ste, die nah genug
vorbeikommen. Zwischen den Wellen ist Baupause. Dann baust du in Ruhe. Der
Knopf âNĂ€chste Welle rufen" bringt dir einen Bonus. Du startest mit 500 âŹ
aus der Gemeindekasse. Am Ende zÀhlen vier Ziele: im Schnitt ℠3,5 Sterne,
Wertschöpfung â„ 2.500 âŹ, Umweltwert â„ 45 und keine Schulden unter â1.000 âŹ.
Der Endbericht zeigt dir dann dein Regionsprofil.
đ·Foto gesuchtVoller Wanderparkplatz oder Parkplatz an einem Ausflugsziel an einem Schönwettertag (z. B. Bödele, Ebnit, Furkajoch).assets/img/buch/tourismusregion/opener-parkplatz-voll.jpg
SEITE 1 · BESUCHERSTRĂME
1 · Besucherströme: Wenn alle zum selben Ort wollen
Stell dir vor, alle wollen zum selben schönen Aussichtspunkt.
GĂ€ste verteilen sich nĂ€mlich nicht gleichmĂ€Ăig. Sie folgen berĂŒhmten
Orten, Wegen und Tipps aus dem Internet. So entstehen
Besucherströme. Das sind Bewegungen vieler Menschen, die man
vorhersagen kann. Doch wo sich zu viele GĂ€ste stauen, kippt der
Tourismus ins Gegenteil. Dann spricht man von
Ăbertourismus: zu viele GĂ€ste fĂŒr einen Ort.
Die Gassen sind verstopft. Die Einheimischen Àrgern sich. Und das schöne
Erlebnis ist kaputt â genau das, wofĂŒr die GĂ€ste gekommen sind.
Das bekannteste Beispiel in Ăsterreich ist Hallstatt. Im Dorf
leben nur 740 Menschen. Aber jedes Jahr kommen gut 1,2 Millionen
TagesgĂ€ste. Die Gemeinde steuert dagegen. Seit 2019 dĂŒrfen pro Tag
höchstens 54 Reisebusse ins Dorf. Jeder Busfahrer muss vorher eine
feste Ankunftszeit buchen. 15 Angestellte kĂŒmmern sich nur um Busse,
Autos und Verkehr. [1]
FĂŒr die Besucherlenkung gibt es viele
Werkzeuge. Man kann informieren:
mit Schildern, Apps und Anzeigen, wo gerade viel los ist. Man kann
PlÀtze reservieren lassen: mit festen Zeiten und Tickets. Man kann
ĂŒber den Preis steuern: Eintritt oder ParkgebĂŒhr machen einen Ort
teurer, dann kommen weniger GĂ€ste â so wirkt der Preis auf die
Nachfrage. Man kann sperren: mit
Fahrverboten oder festen Zufahrtszeiten. Am freundlichsten aber ist ein
anderes Werkzeug: schöne Alternativen anbieten. Dann verteilen sich
die GĂ€ste von selbst.
đ·Foto gesuchtGelbe Wanderwegweiser mit mehreren Zielen und Gehzeiten (klassisches Vorarlberger Wegweiser-Ensemble, z. B. am PfĂ€nder oder im Bregenzerwald).assets/img/buch/tourismusregion/lenkung-wegweiser.jpg
đ Echte Zahlen:
Hallstatt: 740 Einwohner:innen, gut 1,2 Mio. TagesgÀste
(2025), max. 54 Busse/Tag nur mit gebuchtem Slot
[1] · Venedig: TagesgÀste zahlen an 60 Tagen
(2026) 5 ⏠Eintritt, Kurzentschlossene 10 ⏠â ĂbernachtungsgĂ€ste
sind befreit [2]
đź In der Simulation: Deine GĂ€ste ziehen
sichtbar in Gruppen ĂŒber die Wege. Ăffne das đ Statistik-Fenster.
Dort zeigt dir eine bunte Karte (die Heatmap), wo die Ströme wirklich
langgehen. So siehst du auch, wo dein Angebot ins Leere lÀuft. Am Ende zÀhlt
dein Lenkungs-Wert mit 10 % in die Gesamtnote. Er misst, wie viele
GĂ€ste ohne Auto anreisen. Eine Bushaltestelle bringt dir dabei +10
Punkte extra.
âïž Aufgaben:
ANenne drei Werkzeuge der
Besucherlenkung und je ein Beispiel aus dem Text.
BRechne: 1.200.000 TagesgÀste : 365
Tage â wie viele GĂ€ste pro Tag im Durchschnitt? Vergleiche mit der
Einwohnerzahl Hallstatts. Warum sind es an Spitzentagen noch viel mehr?
CâSlots und EintrittsgebĂŒhren sperren
Menschen aus â das ist unfair." Nimm begrĂŒndet Stellung: Wen schĂŒtzt die
Lenkung, wen belastet sie?
SEITE 2 · STANDORT AM WEG
2 · Standort am Weg: Warum die Lage ĂŒber alles entscheidet
Denk an eine EinkaufsstraĂe in der Stadt. In der FuĂgĂ€ngerzone sind
die Mieten am höchsten. Warum? Weil dort die meisten Menschen vorbeigehen.
Diese Zahl der Vorbeigehenden nennt man
Frequenz. Jeder Meter Abstand vom Strom
kostet Kundschaft. Denn kaum jemand macht einen Umweg fĂŒr ein Angebot,
das er nicht kennt. In einer Tourismusregion ist es genauso. Der
wichtigste Standortfaktor ist die
Lage am Weg.
Das war schon immer so. Schon vor 500 Jahren standen an den Handels-
und Passwegen Gasthöfe, Herbergen und Schmieden. Wer die Reisenden
bediente, verdiente Geld. Heute ist es dasselbe Muster: ein Kiosk am
Radweg, eine Jausenstation am Wanderweg, ein Gasthof mit Parkplatz an der
AusflugsstraĂe.
đ·Foto gesuchtJausenstation, Kiosk oder Alpwirtschaft direkt an einem gut begangenen Wanderweg (z. B. Alpe am PfĂ€nder-Rundweg oder im Bregenzerwald), gern mit vorbeigehenden GĂ€sten.assets/img/buch/tourismusregion/standort-jausenstation.jpg
Merke: Frequenz heiĂt: wie viele
Menschen vorbeikommen. Ein Standort am Strom bekommt Kundschaft fast
geschenkt. Ein Standort abseits muss sie teuer anlocken. Reichweite und
KapazitÀt setzen jedem Angebot eine Grenze.
3 · Zielgruppen und ihre MobilitÀt: Wer kommt wie an?
âDie GĂ€ste" gibt es nicht. Jede Gruppe hat andere WĂŒnsche. Fachleute
teilen die GĂ€ste darum in Zielgruppen ein. Das sind Gruppen mit
Ă€hnlichen WĂŒnschen, Ă€hnlichem Geld und Ă€hnlicher Anreise. Familien kommen
mit dem Auto und brauchen Spielplatz, WC und kurze Wege. Wandergruppen
kommen zu FuĂ und wollen Natur, Aussicht und eine Einkehr. Radfahrer:innen
sind schnell, machen kurze Stopps und brauchen eine Werkstatt. Busgruppen
wollen ein Programm und Andenken â und unbedingt einen Busparkplatz. Dazu
kommen Seniorengruppen, Schulklassen und anspruchsvolle Paare. Wer allen
zugleich gefallen will, gefÀllt am Ende niemandem richtig. Kluge Regionen
wÀhlen darum Schwerpunkte und bauen sie
nach und nach breiter aus.
Zu jeder Zielgruppe gehört ihr Verkehrsmittel. In Ăsterreich
kommen rund 75 von 100 ĂbernachtungsgĂ€sten mit dem Auto. Nur 11
kommen mit der Bahn und 7 mit dem Flugzeug. [3]
Wie sich die GĂ€ste auf die Verkehrsmittel verteilen, nennt man
Modal Split. Daran erkennt eine Region, wie
stark ihr Tourismus vom Auto abhÀngt. Das ist wichtig: Wer nur ParkplÀtze
baut, holt noch mehr Autos ins Tal. Wer Bahn, Bus und Radweg stÀrkt, holt
neue GĂ€ste ohne mehr Autoverkehr.
Gerade das Reisen mit dem Rad bringt heute viel Geld. Die
österreichische Radwirtschaft schafft rund 2,9 Milliarden âŹ
Wertschöpfung. Sie gibt etwa 46.000 Menschen Arbeit. Zwei von drei
dieser Menschen arbeiten fĂŒr den Radtourismus.
[4]
đ·Foto gesuchtRadfahrer:innen auf einem beschilderten Radweg, ideal Bodensee-Radweg bei Bregenz/Hard (Radweg-Logo sichtbar).assets/img/buch/tourismusregion/zielgruppen-radweg.jpg
đź In der Simulation: Neun Zielgruppen kommen
ĂŒber drei Startpunkte: StraĂe West (Auto und Bus), Radweg Nord und
FuĂweg SĂŒd. Jede Gruppe hat ihr eigenes Tempo, ihr eigenes Budget und ihr
eigenes Ziel. Die Schulklasse hat nur etwa 25 ⏠dabei. Das reiche Paar hat
rund 200 ⏠â ist aber nur bei einem Wirtshaus der Stufe 4 oder höher
zufrieden. Tippe eine Gruppe an, dann siehst du ihre WĂŒnsche. Und pass in
Welle 5 auf: Busgruppen ohne Parkplatz fahren einfach weiter. Der Feed
meldet dir das schonungslos.
âïž Aufgaben:
ALege eine Tabelle an:
Zielgruppe · Verkehrsmittel · zwei BedĂŒrfnisse. FĂŒlle sie fĂŒr Familie,
Radfahrer:in, Busgruppe und Schulklasse aus.
BIn Welle 5 kommen Senioren,
Busgruppen und Schulklassen gleichzeitig. Welche drei GebÀude baust du
in der Baupause davor â und wohin? BegrĂŒnde mit Anreise und Reichweite.
CâEine Region kann nicht allen
gefallen." Stimmt das? BegrĂŒnde mit zwei Zielgruppen, deren WĂŒnsche sich
widersprechen â und finde eine Lösung, wie beide trotzdem kommen können
(Tipp: rÀumlich trennen).
SEITE 4 · WERTSCHĂPFUNG
4 · Wertschöpfung entlang der Route: Aufenthalt ist Geld
Jeder Halt eines Gastes ist ein kleines GeschÀft: ein Eis, ein
Mittagessen, ein Eintritt, ein Andenken. Alle diese Ausgaben zusammen
nennt man Wertschöpfung. Aus diesem Geld
werden Löhne und Einkommen in der Region. Es sichert nicht nur Jobs in den
GasthÀusern. Auch BÀckerei, Bauernhof und Handwerk leben mit. Zum
Vergleich: Ein Ăbernachtungsgast gibt in Ăsterreich im Winter rund
193 ⏠pro Tag aus, im Sommer 156 âŹ.
[5]
Aber Vorsicht: Wer die GĂ€ste nur abzockt, verliert sie. Umsatz kommt
immer erst nach der Zufriedenheit. Unzufriedene GĂ€ste geben wenig aus. Sie
kommen nicht wieder und warnen andere. Heute schreibt jeder Gast eine
Bewertung ins Internet. Darum ist der gute Ruf das wertvollste Gut
einer Region: Die guten Sterne von heute sind die GĂ€ste von morgen.
Die gröĂte Schwachstelle des Tourismus ist der Verkehr. In Ăsterreich
stammen ĂŒber 90 % vom klimaschĂ€dlichen COâ des Tourismus aus dem
Verkehr. Allein an den vollen Sommerwochenenden 2024 gab es 572 Staus.
[3] Und doch braucht die Region ihre GĂ€ste.
Hier stoĂen zwei Ziele zusammen. So etwas nennt man
Zielkonflikt. Mehr ParkplÀtze bringen
mehr GĂ€ste. Aber sie bringen auch mehr LĂ€rm, mehr Abgase und mehr verbaute
FlĂ€che. Und das zerstört genau die schöne Landschaft, fĂŒr die alle
kommen.
Viele Regionen antworten mit
sanfter MobilitĂ€t. Das heiĂt: Die GĂ€ste
reisen mit Bus, Bahn und Rad an statt mit dem Auto. Auch vor Ort fahren
sie umweltfreundlich. Vorarlberg macht es vor. Die StraĂe zum
Formarinsee bei Lech ist im Sommer tagsĂŒber fĂŒr Privatautos
gesperrt, am Mittwoch sogar den ganzen Tag. Wer trotzdem hinauffahren
darf, zahlt 25 ⏠Maut. DafĂŒr bringt der Wanderbus (Linie 707) die
GĂ€ste bequem auf den Berg. [6] Sperre, Preis und
eine gute Alternative greifen hier ineinander.
Nachhaltiger Tourismus achtet am Ende auf
drei Dinge zugleich: auf die Wirtschaft (das Einkommen), auf die
Umwelt (Landschaft und Klima) und auf die Menschen (die
GĂ€ste und die Einheimischen). Eine Region, die eines davon opfert,
verliert auf Dauer alle drei.
đ·Foto gesuchtLandbus/Wanderbus oder Bushaltestelle im Wander-/Ausflugsgebiet (z. B. Wanderbus-Haltestelle in Lech, Landbus Bregenzerwald), alternativ Fahrverbotsschild mit Bus-Ausnahme.assets/img/buch/tourismusregion/mobilitaet-wanderbus.jpg
đ Echte Zahlen:
Verkehr = ĂŒber 90 % der COâ-Emissionen des Tourismus in Ăsterreich ·
572 Staus an den Sommer-Reisewochenenden 2024 [3] ·
Formarinsee: StraĂe tagsĂŒber gesperrt, Maut 25 âŹ, Wanderbus ab
Lech [6]
đź In der Simulation: Der đ żïž Parkplatz
bringt bis zu +35 % Auto- und BusgĂ€ste. Aber er kostet Umwelt (â8 beim Bau)
und macht Verkehr. Empfindliche Gruppen wie Senioren, Familien und
Radfahrer:innen geben dann schlechtere Bewertungen. Die đ
Bushaltestelle bringt Gruppen fast ohne Schaden fĂŒr die Umwelt. Sie
hebt auĂerdem deinen Lenkungs-Wert. Das đż Naturschutzgebiet verbessert
die Umwelt um +20 und macht das Naturerlebnis stĂ€rker. DafĂŒr kannst du im
Umkreis nicht mehr bauen. Und in Welle 4 klopft ein Investor an: 800 âŹ
sofort, aber die Umwelt sinkt um 10. Du entscheidest. Der Endbericht zeigt
dann, was daraus wurde â von der đ âNachhaltigen Modellregion" bis zur
đ§ïž âKrisenregion".
âïž Abschluss-Aufgaben:
AVergleiche Parkplatz und
Bushaltestelle in einer Tabelle: Kosten, Wirkung auf GĂ€ste, Wirkung auf
Umwelt und Verkehr.
BBearbeite die Simulation einmal
mit Parkplatz-Strategie und einmal mit Bus-Strategie. Vergleiche im
Endbericht: Wertschöpfung, Umweltwert, Lenkungs-Wert, Regionsprofil.
ErklÀre die Unterschiede.
CEntwirf fĂŒr ein ĂŒberlaufenes
Ausflugsziel deiner Wahl ein Lenkungskonzept mit mindestens drei
Instrumenten (Information, Reservierung, Preis, Sperre, Alternative).
BegrĂŒnde jedes Instrument â und benenne, wer davon einen Nachteil hat.
QUELLEN
Quellen & zum Weiterlesen
[1] ORF Oberösterreich: Hallstatt-Tourismus auch im Winter ungebremst (2025) â
ooe.orf.at
[2] ĂAMTC: EintrittsgebĂŒhr fĂŒr Venedig bleibt auch 2026 â
oeamtc.at
[3] VCĂ â MobilitĂ€t mit Zukunft: Factsheet âTourismusregionen durch nachhaltige
MobilitĂ€t stĂ€rken" â
vcoe.at ·
ergĂ€nzend BMWET: MobilitĂ€t im Tourismus â Trends â
bmwet.gv.at
[4] klimaaktiv mobil / BMK: Kurzstudie âWirtschaftsfaktor Radfahren" (2022) â
klimaaktivmobil.at
[5] Ăsterreich Werbung / T-MONA: Tagesausgaben Winter- vs. SommergĂ€ste â
tourismuspresse.at
[6] Gemeinde Lech: Ortsbus & Wanderbus Formarinsee (Fahrverbotszeiten,
Maut, Linie 707) â
gemeinde.lech.at